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Sonntag, 5. Juli 2009

Erdlinge

bzw.: das Fünf-Finger-Modell im Alltag.....

Letzte Woche irgendwo in Berlin: ...die Sonne scheint, Vögel tirilieren. Ich unterbreche die Arbeit im Büro und lege einen kleinen Spaziergang durch den Garten ein. Passiere die Rosentore und stoße auf die Sitzecke mit Hollywoodschaukel. Dort sitzen sie. Zwei ABM-Kräfte. Kurz blicken sie verwirrt auf (der Blick: Mist, die Chefin hat uns erwischt), ich nicke ihnen zu, lächele, frage, ob ich störe und nehme Platz. Spürbare Erleichterung. ;)

Nach kurzem Zögern setzen sie ihre Unterhaltung fort. Wärend ich meinen Blick über den kleinen Park streifen lasse, plappern sie fröhlich weiter. Wie toll die Push-Up.s von Tschibo seien. Mindestens ein Körbchen mehr gäben sie her, machen aus dem A-, ein B-Cup. Zur Betonung streicht die eine von den beiden selbstgefällig über ihr knatschenges, ihren in gleichmäßigen, horizontalen Dellen aufgeteilten Oberkörper michellin- männchen -frauchen-mäßig betonendes, pinkes Top. "Ey, meine Schwester steht och druff. Uff die Nibbelhalter vom Schibbo." Ich blicke rüber und grinse. Beide scheinen der selben Charge entsprungen. Zu unterscheiden nur bei näherem Betrachten an der unterschiedlichen Anordnung fehlender Zähne, bzw. den verschiedenen Körperstellen, an denen die obligatorischen Rosenranken- und Stacheldraht-Tattoos angebracht sind . Zitat "Arschjewei is voll out." und dennoch lächelt es über eng sitzenden Leggins von vorwitzig hervorlugenden, winzigen Strings rollbratenähnlich eingeschnittenem Fleisch.)

Die Haare raspelkurz und platinblond. "Ey," klagt die eine, sie müsse ihre Haare mal wieder nachblondieren. Beide fummeln auf Stichwort hektisch mit den mit falschen, überlangen, mit wilden Graphities verzierten Fingernägeln versehenen Greifern in den mit Haarspray zu Helmen betonierten Frisuren rum. "Ja, ja, ick ooch," erwidert die andere und erklärt, bei der letzten Heimblondierung wären die Haare nicht weiß genug geworden, sie nehme nun noch täglich Aufhellungsspray. Dürfe man aber nicht direkt nach der Blondierung auftragen, weil dann die Kopfhaut zu bluten anfange und man büschelweise Haare verlöre. Die Erfahrung bestätigt dann wiederum die eine, die noch hinzufügt, "Is normal", auch, dass das Haarspray dann so bestialisch brenne. "Ohne Haarlack jed janüscht", verkündet die andere, "Ey, bei mir hängen morjens die Haare wie Jummi, voll der Flaum". Die eine erwidert profimäßig:"Ja, dit is klar, die sin kaputt, meine ooch. " Beide grinsen einträchtig, wobei sich die maskenhaft geschminkten Gesichter nur unwesentlich grotesk verzerren.

Wärend sich mir unwillkürlich das Bild aufdrängt, wie sich eine vollbusige Superblondine vor ihrem immer paralysierteren, Außenreiz fixierten Liebhaber erst die Klamotten, dann die Tschibo-Brüste abschnallt, die blonde Haarpracht unter der Dusche einem vom seichten, gelben Flaum liebevoll umsäumten Kahlköpfchen weicht, die Schminke mit einem Winkelschleifer entfernt wird und dabei die künstlichen Fingernägel dranglauben müssen.... geht das Gespräch angeregt weiter. Nun lassen sie sich über die genitalen Vorzüge diverser Mitarbeiter aus. Ich seufze, deute auf den Igel, der gerade fröhlich über die Wiese flitzt und sage: "Das ist Frau Risch". Höflich erkläre ich auf die verdutzten Blicke, der Igel sei auf den Namen "Frau Risch" getauft. Verständnislosigkeit glotzt mir aus vier neonblau umrandeten, mit pinken Lidschattenkreisen großzügig umsäumten, von klumpiggetuschten Wimpern schwer verhangenen Augen entgegen. Beide schauen sich bedeutsam an. Räuspern sich verlegen. "Na gut", seufze ich, "ich muss weitermachen. Frohes Schaffen noch." wärend ich mich entferne, wird das Gespräch wieder aufgenommen und im Gehen erfahre ich, dass der von Uwe länger sei als der von Frank, Frank aber ein besseres Durchhaltevermögen habe. Nein, ich frage mich jetzt nicht, welcher der lieben vier Kollegen mit dem Namen Frank gemeint ist...

.... sondern denke an Vera Birkenbihl und ihren Super-Vortrag "Pragmatische Esoterik". Da fordert sie auf, in ein Papiertaschentuch fünf Löcher zu schneiden, schließlich das Taschentuch über die Hand zu stülpen, so dass aus jedem Loch ein Finger schaut und auf eben jede Fingerkuppe ein Gesicht zu malen. Das ist die Menschheit. Sagt sie. Und alle sind "eins". Und mir wird wieder einmal klar, dass ich noch viel zu lernen hab. Vielleicht fange ich mit einer Blondierung an... ;)

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